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Kulturwissenschaftliche Fakultät

Facheinheit Ethnologie

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Wie Alter den Unterschied macht: Klassifikationspraktiken, Zugehörigkeit und politische Subjektivität bei jungen Geflüchteten in Deutschland

 

 

Förderung: DFG - Deutsche Forschungsgemeinschaft

Laufzeit: Januar 2019 - Dezember 2020

Projektleitung: Prof. Dr. Katharina Schramm

Mitarbeiterin: Sabine Netz, M.A.

Kurzbeschreibung:

Was konstituiert und kennzeichnet Minderjährigkeit und Volljährigkeit bei Geflüchteten - und wie macht das Alter bei ihnen einen (aufenthalts-)rechtlichen, politischen und affektiven Unterschied? Diesen beiden Hauptfragen gehen wir in unserem durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt nach. Es gibt immer wieder heftige öffentliche Debatten zum Alter von Flüchtlingen und zu rechtsmedizinischen und jugendamtlichen Altersschätzungspraktiken.

Denn unbegleitete minderjährige Flüchtlinge haben andere Rechte und Möglichkeiten als erwachsene Geflüchtete: sie haben Anspruch auf einen Platz in einer Jugendwohnung, einen Sprachkurs und schulische Ausbildung. Zugleich müssen sie den Vorgaben pädagogischer Betreuung und denen von Vormündern folgen. Vor allem haben unbegleitete Minderjährige andere Möglichkeiten, ihr Bleiben in Deutschland zu organisieren. So ist es beinahe unmöglich, sie abzuschieben.

Im Zentrum unserer Untersuchung stehen folgende zwei Dimensionen:

1) Klassifikationsprozesse, d.h. die Hervorbringung und Ausprägung der Differenzkategorie Alter in Praktiken der Altersfestsetzung;

2) die Wirkmächtigkeit dieser Klassifikationen, d.h. altersspezifische Zugehörigkeiten, Rechte, Möglichkeiten und Einschränkungen von jungen Flüchtlingen mit dem Status "unbegleitete Minderjährige".

Zur Umsetzung unserer Forschungsfragen ist eine ethnographische Langzeitstudie vorgesehen. Darin führen wir an allen wichtigen Stationen des Ankommens von jungen Geflüchteten teilnehmende Beobachtungen durch und interviewen die zentralen Akteure der verschiedenen Verfahren. Hierzu zählen die Erstaufnahme ebenso wie jugendamtliche, pädagogische und rechtsmedizinische Praktiken der Altersschätzung sowie daran geknüpfte Widerspruchsprozesse. Schließlich sollen auch Asylanhörungen beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in den Blick genommen werden.

Grundlegend für die oben aufgeführten Untersuchungsdimensionen ist unser Verständnis der Differenzkategorie Alter als kontingent, situativ und abhängig von spezifischen Praktiken der Hervorbringung. So können wir erforschen, welche Elemente in vielfältigen medizinischen, pädagogischen und bürokratischen Praxen (ir)relevant und entscheidend werden, wenn es um die Frage geht: ist ein Flüchtling minderjährig? Die Wirkmächtigkeit dieser Klassifikation untersuchen wir mit unserem Konzept von politischer Subjektivität, was sowohl Rechte und Handlungsspielräume als auch affektive Zugehörigkeit zusammen denk- und untersuchbar macht.

Durch diese erste ethnographische Analyse der Hervorbringung und Wirkmächtigkeit von Alter im Migrationszusammenhang entwickelt das Projekt auch neue Ansatzpunkte für eine kritische Intervention in den dominanten öffentlichen Diskurs zur Praxis und Bedeutung der Altersschätzung bei jungen Flüchtlingen. Unser Projekt leistet einen theoretischen und empirischen Beitrag an der Schnittstelle von Medizinanthropologie, Wissenschafts- und Technikforschung (STS), Studien zu Flucht und Migration und der Kindheits- und Jugendforschung.


Verantwortlich für die Redaktion: Nadja Bscherer

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