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Kulturwissenschaftliche Fakultät

Facheinheit Ethnologie

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Die Turmspringer von Pentecost: Mythos, Ritual, Grenzerfahrung

 

 

Förderung: DFG - Deutsche Forschungsgemeinschaft

Laufzeit: 2002-2005

Projektleitung: Prof. Dr. Thomas Bargatzky

Mitarbeiter: Dr. Thorolf Lipp

Kurzbeschreibung:

Das sich alljährlich wiederholende Turmspringen der Sa, auf der Insel Pentecost in Vanuatu, ist ein Phänomen, das bislang von der ethnologischen Forschung kaum beachtet wurde. Man hielt die Veranstaltung meist für eine Initiation oder eine Art Fruchtbarkeitsritual, das irgendwie mit der Yamsernte in Verbindung stehen soll und eine Art „therapeutischer Wirkung“ hat. Nach zwei Feldforschungen von insgesamt 9 Monaten Dauer, die im Rahmen des DFG Forschungsprojektes „Die Turmspringer von Pentecost: Mythos, Ritual, Grenzerfahrung“ eigens zur Erforschung des naghol durchgeführt wurde, kann man sagen, dass beide Interpretationen am Kern des Geschehens vorbeigehen. Es ist vielmehr eine andere Herangehensweise nötig, um zu verstehen, worum es sich dabei handelt und wie die Veranstaltung in der Sa Gesellschaft auf mehreren unterschiedlichen Ebenen Sinn konstituiert. Bislang konnte nachgewiesen werden, dass kein direkter Zusammenhang zwischen erfolgreichem aktivem Springen und dem komplexen Titelsystem der Sa besteht. Allerdings können erfolgreich absolvierte Sprünge, vor allem aber eine erfolgreiche Organisation der Veranstaltung, einem Mann den sozialen Aufstieg erleichtern. In der Kosmologie der Sa, so scheint es, symbolisiert das naghol eine „künstliche Geburt“. Erstaunlicherweise hat es aber dennoch nicht den Charakter einer Initiation, wie sie in der Ethnologie üblicherweise von Arnold van Gennep oder Victor Turner definiert worden ist. Ziel der weiteren Forschung ist, nach der präzisen ethnographischen Erfassung des Turmspringens im kastom-Dorf Bunlap auf der Insel Pentecost, aber auch in anderen Dörfern der Region, nun die weitere theoretische Verortung des Phänomens unter besonderer Berücksichtigung der aktuellen Forschung zur Mythos- bzw. Ritualtheorie. Bei der bislang geleisteten Forschungsarbeit hat sich u.a. gezeigt, dass es unter vormodernen bzw. „stammesgesellschaftlichen“ Bedingungen tatsächlich ein „Ritual“ gibt, das nicht vollständig mit Victor Turners Modell der Liminalität erfasst werden kann, bzw. dass dieses Modell dementsprechend zu modifizieren und zu erweitern ist. Wenn aber die Trennung zwischen liminalen Ritualen und liminoiden Phänomenen hinfällig ist, muss generell bezweifelt werden, ob es berechtigt ist, in Bezug auf rituelles Verhalten von wesenhaften Unterschieden zwischen vormodernen und modernen Gesellschaften zu sprechen. Darüber hinaus hat die Forschung ergeben, dass das naghol eindeutige Züge einer „künstlichen Geburt“ trägt, aber erstaunlicherweise trotzdem nicht dem entspricht, was man in der Ethnologie oder in der Religionswissenschaft unter dem Begriff der „Initiation“ versteht. Auch hier ergibt sich weiterer Forschungsbedarf und die Problematik der „künstlichen Geburt“ muss im weiteren Verlauf der Forschung besonders beachtet werden. In einem interkulturellen Vergleich soll dann der Frage nachgegangen werden, ob es bei ähnlichen Veranstaltungen in anderen Kulturen funktionelle Ähnlichkeiten zum Turmspringen gibt.

Publikationen zum Projekt:

  • 2005 Lipp, Thorolf: Man hemi Master long life blong hem – Ein Mann ist der Herr seines Lebens. Zwischenbericht über das DFG Forschungsprojekt: Die Turmspringer von Pentecost. Universität Köln, GESIS, 2005, 61 S.
  • 2005 Lipp, Thorolf: Vom Ursprung. (Film, 45 Minuten, Bayerisches Fernsehen 2005) Arcadia Film

Verantwortlich für die Redaktion: Nadja Bscherer

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