Verwandtschaft und Politik

Eine konzeptionelle Trennung und ihre epistemischen Folgen in den Sozialwissenschaften

Förderung: ZIF (Zentrum für Interdisziplinäre Forschung, Universität Bielefeld)

Laufzeit: 2016 - 2017

Projektleitung: Erdmute Alber, David Warren Sabean, Simon Teuscher, Tatjana Thelen

Forschungsgruppenassistentin: Jennifer Rasell

Fellow: Jeannett Martin

Kurzdarstellung: Verwandtschaftsverhältnisse sollten in der Politik keine Rolle spielen: dies gehört zum Selbstverständnis moderner westlicher Staaten. Der Einfluss von Verwandtschaftsbeziehungen gilt geradezu als Gegenteil eine rationalen Verwaltungssystems. Diesem Denken entsprechend unterscheidet die Bedeutung, die der Verwandtschaft in einer beigemessen wird, zwischen "modernen" und "traditionellen", zwischen "entwickelten" und "unterentwickelten" Gesellschaften.

Lange Zeit gab es daher jenseits ethnologischer und historischer Forschungen zu "traditionalen" Gsellschaften wenig Interesse für die Thematik der Verwandtschaft. Es war zwar üblich, nicht-westliche Gesellschaften durch die Linse von "Verwandtschaft" zu betrachten, für westliche Gesellschaft wurde jedoch in aller Regel ein anderer Fokus gewählt.

Diese kategorische Trennung von Politik und Verwandtschaft hat eine lange Vorgeschichte und sie hat weitreichende Konsequenzen für die Forschung wie für die politische Praxis. Um einen modernen Staat oder eine gute Verwaltung zu schaffen, um ehemalige Kolonien zu demokratisieren und sogar, um terroristische Infrastrukturen zu zerstören, gelte es den Einfluss von Verwandtschaftsbeziehungen auszuschalten.

Das Ziel der Forschungsgruppe ist es eine Neubewertung dieser konzeptionellen Trennung zwischen Verwandtschaft und Politik. Die Arbeit beginnt mit der Überprüfung der Kategorien "Politik", "Verwandtschaft" und "Familie", wie sie in Geschichtswissenschaft und Ethnologie seit dem 19. Jahrhundert verwendet werden. Beide Disziplinen haben entscheidend zur heute gängigen Abgrenzung zwischen Staat und Gesellschaft, Wandel und (dauerhaften) Strukturen, "the West and the Rest" beigetragen. Beide Disziplinen haben jedoch jüngst, jede auf ihre Weise, dei epistemologischen Grundlagen dieser Gegenüberstellung hinterfragt. Die Resultate dieser Arbeiten sind außerhalb der betreffenden Disziplin bisher aber kaum zur Kenntnis genommen worden.

Um die Tragweite der begrifflichen und theoretischen Trennung von Verwandtschaft und Politik zu ermessen, bedarf es des interdisziplinären Austauschs und neuer Disziplinen übergreifender Fragestellungen. Die Gruppe verbindet eine kritische Untersuchung der Theoriegeschichte mit empirischen Befunden zu den anhaltenden Auswirkungen solcher Kategorisierungen. Innerhalb dieses Rahmens möchte sie prüfen, in welcher Form die Kategorie "Verwandtschaft" als analytisches Werkzeug auch für die Erforschung aktueller Debatten um Zugehörigkeit und (Re-) Konstitution politischer Ordnungen fruchtbar gemacht werden kann.